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Arne Kocher

Arne Kocher beginnt im Oktober das Studium der Druck- und Medientechnologie an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Zuvor hat er mehrere Jahre in der Druckvorstufe einer mittelständischen Druckerei gearbeitet.

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»Druckfertige Daten« stand groß auf der Daten-CD drauf, die ich neulich an meinem Rechner öffnete. Na wunderbar, ein schneller Auftrag ohne Probleme, dachte ich mir. Trotzdem, man ist ja nicht blöd, führte ich noch unser Preflight-Profil aus, um schon vorab auf eventuelle Fehler oder Warnungen hingewiesen zu werden. Nachdem ich alle Infos für den Anruf beim Kunden zusammen hatte, rief ich, noch voller Hoffnung auf eine zweite »druckfertige« Datei, bei ihm an.

Leider wurde mir nicht viel Verständnis entgegengebracht, nein, ganz im Gegenteil. Mit den Schriften (die nicht im PDF eingebettet waren) hätte er auch auf seinem Rechner selbst massive Probleme. Warum die knalligen RGB-Farben nicht so reproduziert werden können, wollte man mir schon gar nicht abnehmen. Schließlich würden das andere Druckereien ohne Aufwand (=Geld) und Probleme hinbekommen. Außerdem könnten PDFs aus Word die mit Adobe erstellt sind problemlos verarbeitet werden. Der von mir vorgeschlagene Proof zur Beurteilung der Farben wurde als zu teuer und nicht notwendig abgetan, da sich der Drucker an den farbigen (!) Ausdruck halten soll, der dem Auftrag beilag.

Jeder Druckvorstufen-Mediengestalter kennt das. Verständnislose und manchmal auch unverschämte Kunden, die einem mit Aussagen wie »An meinem Monitor sehen die Farben richtig schön aus«, »Bei Google gibt’s tolle Bilder, können Sie die drucken« usw. fast zur Verzweiflung treiben. Ganz schlimm sind die sogenannten Grafiker (selbständig oder aus Werbeagenturen, sorry ;-)) die es eigentlich besser wissen müssten.

Verkehrte Welt oder wie?! Eigentlich ist es doch meine Aufgabe, Drucksachen schnell und qualitativ hochwertig für den Auflagendruck aufzubereiten. Dafür habe ich eine entsprechende Ausbildung absolviert und vor allem viel Zeit in meine persönliche Weiterbildung investiert. Im Zeitalter billiger PCs, E-Mail und PDF (allesamt wirklich gute Erfindungen) kommt nun der Kunde mit mehr oder weniger viel Fachwissen ins Spiel und versucht sich in unserem Metier, dass über Jahrzehnte von Profis mit Erfahrung, Wissen und Blick für Bildausschnitte, Farben und Schriften geprägt war.
Ist das nun alles nichts mehr wert? Qualität spielt keine oder nur noch eine untergeordnete Rolle und darf vor allem nichts kosten. Müssen wir uns etwa Sorgen um unseren Arbeitsplatz machen, weil Office-Anwender immer bessere Drucksachen selbst (und demnächst auch als PDF) erstellen können?

Nein. Aber es ist an der Zeit umzudenken und eine offene und vor allem ehrliche Kommunikation zum Kunden zu pflegen. Diese fängt schon beim ersten Beratungsgespräch an und zieht sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Stationen eines Auftrages.
Woher soll der Kunde denn auch wissen wie er es »richtig« machen soll, wenn man es ihm nicht sagt? Er hat keine Ahnung von Vektoren oder Pixeln, Word oder InDesign, Comic Sans oder Meta. Er kann bzw. will es es ja auch garnicht wissen. Warum auch? Wir sind schließlich die Profis. Im Unterschied zu anderen Berufen, z.B. KFZ-Mechanikern, bringt der Kunde aber das Werkzeug selbst mit und möchte bei der Erstellung ein oder zwei Wörtchen mitreden. Wie reagiert man also?

Die Aufbereitung von Druckdaten erfordert sehr viel Wissen und Erfahrung und ist eine Dienstleistung die Geld kostet und dementsprechend auch kommuniziert werden sollte. Das ist garnicht so einfach, wie man vielleicht denken könnte. Es verlangt dem Kundenberater einiges ab, den Kunden dazu zu bewegen, sich für das eigene Angebot zu entscheiden. Man kann aber auch etwas nachhelfen. So stellt man die persönlichen Vorteile des Kunden in den Vordergrund, die er für seine Zwecke einsetzen kann. Beispiele wären hier vielleicht Online-Auftritte, Wiederverwendbarkeit in anderen Medien oder eine Datenbank für weitere Ideen. Sicher gilt dies nicht für alle Arten von Aufträgen. Doch mit etwas Geschick und Glück lässt sich der Kunde davon überzeugen, warum Erkennungswert, Übersichtlichkeit oder ganz einfach Qualität doch nicht so unwichtig für ihn sind. Stellt man diese in den Vordergrund, signalisiert man Kompetenz und hat somit auch Chancen für eventuelle Folgeaufträge.

Viele werden jetzt wohl aufschreien und (vielleicht) zu Recht fragen, welcher Kunde sich denn darauf einlässt bzw. das zahlen soll. Außerdem muss ich doch Angst haben, dass wenn ich zuviel meines Wissens weitergebe, der Kunde für immer weg ist.
Zumindestens letzteres halte ich doch recht unwahrscheinlich, erkläre ich doch häufig ein und denselben Personen, bestimmte Abläufe (z.B. PDF-Erstellung) jedesmal aufs Neue.

Wenn sämtliche Versuche scheitern, den Kunden von der Qualitätsarbeit zu überzeugen, bekommt er eben das, für was er bereit ist zu bezahlen. Diese Entwicklung hin zu »minderwertigen« Drucksachen ist leider schon länger festzustellen. Dies hat aber meist ganz einfache Gründe. Heutzutage werden viele Flyer und Broschüren eben nicht mehr von Fachpersonal gestaltet, sondern von Sekretärinnen, Marketingmitarbeiter oder der/dem Tochter/Sohn des Geschäftsführers. Zusätzlich machen es sich einige Mediendienstleister noch selbst das Leben gegenseitig schwer, indem sie mit falschen Versprechungen und kostenlose Zusatzarbeiten den Kunden auf den völlig falschen Weg bringen.

Wie erlebt ihr diese Entwicklung? Findet bei euch eine intensive und umfassende Kundenberatung statt? Oder habt ihr nur qualitätsbewusste Kunden? Jedenfalls freue ich mich auf eine angeregte Diskussion.

9 Kommentare zu “ Verkehrte (Druckvorstufen-)Welt? ”

  1. troopers

    Das, – gut – ist schon ärgerlich, aber das ist noch das harmlose. Aber mal ehrlich, steht ja da auch schon, jeder bekommt das richtige für seinen Geldbeutel. Ist zwar eigentlich kein Argument bzw. ein sehr schlechtes, aber ich pers. mach das beste was die Zeit erlaubt.

    Für mich ist das schlimmste, wenn die Leute mit Ihren genialen Word-Dateien ankommen, und die auch noch super schick und toll finden, und soooo unbedingt „muss“ es sein.
    Man selbst weiß aber , was wirklich (mehr oder weniger:)) gut aussieht und gut ist; sieht sofort gravierende Fehler wo es nur geht, findet eine Optik voller Cliparts und billigen 72 dpi fotos vor.

    Mittlerweile macht jede PommesBude flyer etc, und so siehts dann auch aus. Der Markt ist voller möchtegern-gestalter, die Xmal-billiger sind als wir.

    Heutzutage zählt nur noch der Preis…

  2. Karsten

    aww … du schreibst mir aus der Seele. :-)
    Erlebe ähnliches täglich

    gruß
    K

  3. Mitch

    Ja, mir auch. Vielleicht müssen erst einmal alle auf die Schnauze fallen, bevor sie checken, dass man auch Druckarbeiten Profis überlässt. Manchmal geht das mir ganz schön auf die Nerven. Ich sag ja auch einem z.B. Elektriker nicht was er zu tun hat ? da lasse ich meine Finger davon.
    Aber unsere Kundenberater sind da auch keine Hilfe, die wollen ihre Arbeit möglichst bequem haben und den Kunden nicht noch verärgern.

  4. troopers

    Jeder Kunde bringt Geld. Und die Firmen können sich das in der Regel nicht leisten, und einen Kunden verärgern bzw. zu verscheuchen…. Wenn das Geld nicht wäre…..

  5. Anselm.Peischl » Mehr-oder-weniger-Profis

    […] http://www.mediengestalter-blog.de/2006/08/09/verkehrte-druckvorstufen -welt/ Trackback · […]

  6. Anselm.Peischl » Mehr-oder-weniger-Profis

    […] Hier jedenfalls der Artikel:http://www.mediengestalter-blog.de/2006/08/09/verkehrte-druckv orstufen-welt/ Trackback · […]

  7. son10

    Mein Gesprächseinstieg bei jedem potentiellen neuen Kunden: „Ich bin nicht billig, dafür aber meinen Preis wert.“
    Auf Preisdiskussionen lasse ich mich nur sehr selten ein. Das macht meist einen besseren Eindruck als sich drücken zu lassen. Und fürs nächste mal weiß der Kunde schon, dass er erst gar nicht anfangen muss zu feilschen.

    Ich schlug letztens einem Kunden vor, ihm einen billigeren „Werber“ zu vermitteln – er lehnte dankend ab.

    In diesem Sinne: gute Geschäfte!

  8. troopers

    hehe, das ist ja genial. muss ich das nächste mal auch versuchen. bin zwar frech zum chef und co (las smir da nix verbieten…), aber beim kunden bin ich doch teils zurückhaltender was sowas angeht.

    next time i‘ll try it!

  9. ritman

    unfähige menschen, die „ahnung“ haben..
    every day the same shitt…

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